11. September | Theo Wieder, CDU

"Denken und Leben in Weltoffenheit"

 

 

Aufgewachsen bin ich (Jahrgang 1955) in der Stadt Frankenthal (Pfalz), in der ich auch heute noch wohne und den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Meine Eltern legten großen Wert auf die christliche Erziehung ihrer Kinder und lebten uns ihren Glauben durch den regelmäßigen Gottesdienstbesuch oder die Teilnahme am Leben der Kirchengemeinde vor. In früherer Jugendzeit kam mich mit der verbandlichen kirchlichen Jugendarbeit in der KJG in Berührung. Aufgaben als Pfarrjugendleiter, Bezirksjugendleiter und stellvertretender Diözesanleiter bedeuteten – neben vielen anderen Erfahrungen – das Erlernen der Vorteile und der Schwierigkeiten verbandlicher Demokratie. 1977 trat ich der Christlich Demokratischen Union bei. Das kirchliche Engagement erstreckte sich nach der Jugendverbandsarbeit auf langjährige Mitgliedschaften im Pfarrgemeinde- und Verwaltungsrat, im Dekanatsrat, im Diözesansteuerrat und im Diözesanpastoralrat.

 

Im Jahre 1992 wurde ich in den CDU-Kreisvorstand gewählt. Bei der Kommunalwahl 1994 wurde ich in den Stadtrat der kreisfreien Stadt Frankenthal (50.000 Einwohner) gewählt. Zwei Jahre später übernahm ich den Vorsitz der CDU-Stadtratsfraktion. Im Jahre 1999 wurde ich zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt – ein Amt, das ich über eine Wiederwahl im Jahre 2007 bis zum 31.12.2015 ausgeübt habe. Bereits 2004 übernahm ich zusätzlich das Amt des Präsidenten des Bezirkstags der Pfalz – eines Höheren Kommunalverbandes mit der Aufgabenträgerschaft für 19 Einrichtungen in den Bereichen Bildung, Kultur, Umwelt- und Naturschutz, Energie u.a. Diese Aufgabe habe ich bis heute inne.

 

In über vier Jahrzehnten habe ich so die Bedeutung, die Möglichkeiten und die Entwicklung unserer freien demokratischen Gesellschaftsordnung kennengelernt und gelebt. Das Hauptmotiv all dieser vielen Tätigkeiten in kirchlichen und politischen Gremien und Funktionen liegt dabei sicher in der Erfahrung, dass jeder Mensch letztlich dazu aufgerufen ist, sich mit seinen ihm gegebenen Talenten und Möglichkeiten einzubringen, um so seinen Beitrag für ein gutes, friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen zu leisten. Das Erlebnis der Gemeinschaft Gleichgesinnter, das Erfahren von Gestaltungsmöglichkeiten, das Miterleben von gelungenen Vorhaben haben mein ganzes Leben geprägt.

 

Die Erlebnisse in vielen Jahren kirchlicher Jugendarbeit und der Mitarbeit in zahlreichen kirchlichen Gremien hat bei mir das Fundament für die spätere erfolgreiche politische Arbeit als Stadt, Oberbürgermeister oder Bezirkstagsvorsitzender gelegt. Ohne diese Erfahrungen in meiner Kirche hätte ich den späteren Weg so nicht gehen können. Das Erkennen, dass der Auftrag eines Christen letztlich ist, hinauszugehen in die Welt und im christlichen Sinne mitzuhelfen, eine gerechte, freie, soziale Gesellschaft zu gestalten, war dann mein Motiv, über die kirchliche Arbeit hinaus, den Weg in ein starkes politisches Engagement zu gehen.

 

Im Amt des Oberbürgermeisters habe ich immer den guten Kompromiss in der Sache über die Durchsetzung rein parteipolitisch geprägter Standpunkte gestellt. Dies war auf Strecke immer erfolgreich, brachte Zustimmung und Anerkennung und hat entscheidend dazu beigetragen, viele wegweisende Projekte in meiner Heimatstadt Frankenthal zu gestalten.

 

Wichtig war und ist mir immer: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, das soziale Miteinander, das Einstehen für die Schwachen oder die Suche nach Ausgleich unterschiedlicher Interessen sind die entscheidenden Bausteine für ein gutes, offenes Miteinander im Zusammenleben der Menschen. Gerade in Zeiten, in den wieder Ausgrenzung, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit oder Engstirnigkeit zu verfangen drohen, sollten wir unseren Einsatz für Freiheit, Völkerverständigkeit und ein soziales Miteinander in einem Europa freier Völker verstärken. Diese gemeinsamen europäischen Werte waren und sind eine der größten und wichtigsten politischen Ideen, die unser Kontinent hervorgebracht hat. Entstanden ist sie auf den Trümmern, die der bis 1945 in Europa verbreitete Nationalismus hinterlassen hat. Wohin Ausgrenzung, Angstmacherei, Hass und überbordender Nationalismus führen, haben deshalb gerade wir Deutschen schrecklich erfahren müssen. Mit meinem Einsatz will ich auch in Zukunft den mir möglichen Beitrag dafür leisten, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Europa hat abgeleitet aus diesen tragenden gemeinsamen Werten auch die Kraft, notwendige Reformen anzugehen und umzusetzen. Dieser Weckruf nach Reformen darf aber nicht in kleinkariertem Krämergeist und dumpfem Nationalismus die großartige Idee einer Gemeinschaft freier Völker auf’s Spiel setzen. Es steht nämlich nicht mehr und nicht weniger als die Zukunft unserer Kinder und Enkel auf dem Spiel. Das Gebot der Stunde ist deshalb ein Denken und Leben in Weltoffenheit, für ein solidarisches Miteinander, für ein Streben nach Gerechtigkeit und Freiheit für Alle – auch und gerade im offenen Diskurs mit Anhängern anderer politischer Meinungen oder anderer Religionen.