Dr. Claudia Nothelle, Journalistin

(c) RBB
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"Unterwegs um die Demokratie zu retten". Einer meiner ersten journalistischen Lehrer spottete gern über Journalisten, die sich zu wichtig nahmen und – heute noch - nehmen. Wir, Studentinnen und Studenten, sollten auf dem Boden der Tatsachen bleiben – und möglichst gut, möglichst objektiv, möglichst eindringlich berichten. Die Fakten sprechen lassen, sich nicht selbst zum Heilsbringer erklären. In anderen Worten: nimm Dich nicht so wichtig.

 

Eine heilsame Lehre für uns angehende Journalistinnen und Journalisten. Zumindest damals. Heute klingt in meinen Ohren noch etwas Anderes mit, ein Funke mehr Wahrheit als Spott. Die Entwicklung in Polen, in der Türkei zeigt deutlich, welchen Stellenwert Pressefreiheit hat – und was Journalisten alles auf sich nehmen, um schreiben, um veröffentlichen zu können. Oder auch ein Blick in die USA. Seit Donald Trump dort Präsident ist, geben die Redaktionen mehr Geld für Recherche aus, sind aber auch die Leser und Nutzer eher bereit, Geld für Journalismus auszugeben. Ganz klar, guter, im besten Sinne aufklärerischer Journalismus ist für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar.

 

Und bei uns in Deutschland? Auf dem Katholikentag in Leipzig hat mich ein "Berufskatholik" auf meine Akkreditierung angesprochen: "Ach, Sie sind Journalistin. Lügen Sie?" Mir blieben Lachen und Antwort im Halse stecken. Das Ansehen von Journalisten ist in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken. Systempresse, Fakenews, gleichgeschaltet – so schallt es uns entgegen. Und die, die am lautesten brüllen, nehmen gern nicht-journalistische Informationen für bare Münze. Ungeprüft, nicht hinterfragt, nicht eingeordnet. In Zeiten, in denen alles für alle zugänglich ist, möchte jeder sein eigener Reporter sein. Dabei ist der Beruf alles andere als ein Kinderspiel. Richtiges Fragen will gelernt sein.

 

 

So kämpfen Zeitungen ums Überleben, Redaktionen werden ausgedünnt. Und dennoch ist Journalismus notwendiger, wichtiger – und spannender denn je. Es lohnt sich, scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen, Komplexität zu entwirren, den Finger in die Wunde zu legen. Nicht jede Recherche entwickelt sich zum Watergate Skandal, nicht hinter jedem Leak verbergen sich Panamapapers. Aber dennoch: wenn eine Reportage aus Charlottesville mir mehr liefert als 140 Zeichen im Tweet, wenn der Hintergrundbericht über die neue Umgehungsstraße die Lokalpolitiker noch einmal zum Nachdenken bringt, wenn die Eurorettung durch die kluge Analyse ein bisschen verständlicher wird – dann jedes Mal wird klar, warum Journalist der schönste Beruf der Welt ist. Der nicht funktioniert, wenn man nicht Verantwortung übernimmt. Bei dem aber – zumindest ganz leise – eben doch der Gedanke mitschwingen darf, die Demokratie zu retten. Nicht als Heilsbringer, sondern nur in ganz kleinen Schritten. Und ganz sicher nicht im Alleingang. Aber ein Baustein – demokratisch eben!