25. August | Dr. Claudia Lücking-Michel

(c) KNA-Bild
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"Demokratie in Gefahr"

 

Schon früh im Leben habe ich gelernt, dass man nicht einfach zuschaut, sondern Verantwortung dafür trägt, dass Dinge in unserer aller Interesse entschieden und erledigt werden. Frühe Lernorte waren für mich meine Schule und vor allem kirchliche Jugendarbeit. Meine Motivation war oft Eigennutz („….damit hier endlich mal was vorangeht“) und noch viel öfter Protest („…das kann ja wohl nicht deren Ernst sein“).

 

Dabei standen immer wieder sehr konkrete Themen und Anliegen im Mittelpunkt: Chancengerechtigkeit für Frauen etwa, nicht nur, aber doch ganz besonders in meiner eigenen Kirche. Bekämpfung von Armut, Krankheit und Hunger weltweit. Wie ein roter Faden ziehen sich manche Themenkomplexe durch meine Biographie. Das Ganze führte mich vom Arbeitskreis „Nicaragua“ in der Oberstufe über den Katholischen Frauenbund und die Kommission Weltkirche der deutschen Bischofskonferenz bis hin zu Misereor, dem Präsidium des ZdK und jetzt in den Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Deutschen Bundestag.

 

Aber einer politischen Partei beitreten? Lange konnte ich mich nicht entscheiden, entsprach doch keine zu 100% meinen Vorstellungen. Da musste erst viel Wasser den Rhein herunterfließen, bevor mir klar war, dass das immer so im Leben ist: Wer mit anderen zusammen etwas auf die Beine stellen will, muss Kompromisse machen. Und mir wurde klar: Im sogenannten vorpolitischen Raum, in dem ich mich tummelte, bleibt man weitgehend bei denen, die kritisieren und korrigieren. Viel mehr Gestaltungsmacht hat man in den Parlamenten unseres Landes. Und dorthin geht der Weg über die Parteien.

 

Für die CDU habe ich mich vor allem wegen des „C“s entschieden. Im ZdK habe ich immer wieder die Notwendigkeit erlebt, die Frohe Botschaft unseres Glaubens verantwortlich auf die konkreten und aktuellen Sachfragen unserer Zeit herunterbrechen zu müssen. Für diese Herausforderung habe ich besonders in der CDU viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter kennengelernt. Menschen, die mich auch mit ihrer Persönlichkeit überzeugten.

 

Seit 2013 bin ich jetzt selbst eine der so genannten Berufspolitiker – als Bundestagsabgeordnete in der CDU-Fraktion. Meine erste Wahlperiode endet bald. Das waren Lehrjahre für mich in gelebter Demokratie – mit manchem Schatten, aber vor allem viel, viel Licht. Spätestens nach meinem Geschichtsstudium wusste ich den demokratischen Rechtsstaat hier bei uns sehr zu schätzen. Aus dem Maschinenraum des demokratischen Geschehen habe ich aber erst erlebt, wie viel Mühe dahintersteckt, wie kunstvoll, aber auch wie fragil alles aufgebaut ist, und wie viele Menschen sich mit ganzer Kraft, Herz und Verstand weit über das Maß des Erwartbaren hinaus dafür engagieren. Und so selbstverständlich ich in unserem Staat aufgewachsen und engagiert bin, so deutlich ist auch die Erkenntnis: Unsere Demokratie ist in Gefahr, wenn wir sie als selbstverständlich und gegeben hinnehmen.

 

Die größten Herausforderungen bei der nächsten Wahl sehe ich deshalb bei der Gestaltung Europas. Dieses großartige Friedensprojekt braucht jetzt die Unterstützung aller. Darüber hinaus graut es mir vor dem rechtsnationalen Gedankengut, das an viel zu vielen Stellen sprießt. Christen schauen weit über den eigenen Kirchturm hinaus und können keine Grenzen dicht machen, denn sie haben Brüder und Schwestern weltweit.